Besenbinden, ein fast vergessenes Handwerk.
Michael Roos ist Besenbinder. Besenbinden ist ein uraltes Handwerk.

Fragt man heute einen jungen Menschen, ob ihm das Handwerk ‚Besenbinden‘ bekannt ist, wird er dies meist verneinen, oder aber er verweist auf den „Nimbus 2000“, den wohl berühmtesten Besen unserer Zeit. Ein Rennbesen aus den Harry Potter-Büchern und -Filmen. Ein Superbesen schlechthin. Allenfalls auch noch der Besen aus Goethes Gedicht „Der Zauberlehrling“ würde dem einen oder anderen noch in den Sinn kommen. Michael Roos aus Mechernich-Obergartzem dagegen weiß alles über Besen und die Kunst des Besenbindens.

Besenbinder Michael Roos in seiner Werkstatt.
Michael Roos in seiner Werkstatt beim Besenbinden.

Er ist einer der wenigen Besenbinder, die ein fast vergessenes Handwerk heute noch ausüben. In der von der Landwirtschaft geprägten Eifel gab es im letzten Jahrhundert viele Berufe, die es in der heutigen Zeit nicht mehr gibt. Die Eifeler Landschaftsform, Flora und Fauna bestimmten die Arten von Handwerk, Gewerbe und Handel. Besenbinden als Nebenerwerb und als Beruf waren noch um die Wende des 20. Jahrhunderts ein wesentlicher Bestandteil des Lebens in unserer Region. In vielen Familien war dies die wichtigste Erwerbsquelle. Auch viele Bauern betätigten sich zusätzlich als Besenbinder.

Kein Lehrberuf, aber eine Handwerkskunst

Ein Handwerk, ein Beruf, aber nie ein Lehrberuf: diese Handwerkskunst wurde im Alter an die nächste Generation weitergegeben. „Hatte der kleine Knirps früher dem Vater oder dem Opa über die Schulter geschaut, so habe ich mir das Binden im Jahre 1996 von einem alten Besenbinder aus Kommern angeeignet“, erzählt Michael Roos. „Da ich mich gerne an der frischen Luft in Wald und Flur bewegte, habe ich dem alten Herrn auch teilweise das Grundmaterial und Rohlinge für die Fertigung von Spazierstöcken beschafft“, erinnert sich der gelernte Schreiner. „Irgendwann hatte ich dann selbst den Bogen raus.“ Im Laufe der Zeit verfeinerte er seine Technik und so fertigt er heute jährlich über 1.000 Besen, die er auf Märkten anbietet und verkauft. Außer Geschick und Fingerfertigkeit benötigt man für die Herstellung der Kehrgeräte auch spezielle und teils selbst angefertigte Werkzeuge wie Besenklammer, Schere, Schnitzmesser und Zieheisen, Stichling oder eine Seilspannvorrichtung auf einem Holzblock.

Diese Besen kehren gut

Das beste Grundmaterial für handgefertigte Besen liefert die Birke. Besen aus Birkenreisig halten einfach am längsten. Ginster, Heide, Reisstroh und Hirsestroh eignen sich ebenfalls zum Besenbinden. Geschnitten wird das Reisig zwischen November und Ende Februar. Danach werden die Zweige zum Trocknen ein Jahr abgelagert. Beim Binden darf weder im Reisig noch im Stiel Saft enthalten sein. Gebunden wird das Reisig in Nass- oder Trocken- art. Trockengebunden wird mit Hanf- oder Sisalschnur und mit Draht. Nassbinden – also gewässert – erfolgt mit Weiden, Rohhaut vom Rind oder Peddigschiene, ein Produkt aus dem Stamm der Rattan-Palme. Für den Stiel werden Haselnuss, Birke, Tanne oder Esche verwendet. Hauptsache sie sind gerade.

Michael Roos aus Mechernich beim Besenbinden.
Besenbinden ist eine uralte Handwerkskunst, die nicht in Vergessenheit geraten soll.

Wie viel PS hat so ein Hexenbesen?

Unterschieden werden die Besen in Straßenbesen und Schmuckbesen. Die Schmuckbesen werden mit Kunst- und Trockenblumen verziert, wie es einst die Bauern taten. Sie haben zur Erntezeit ihre Besen noch mit Hafer, Gerste und Roggen geschmückt. Dies hatte auch mit Aberglauben und dem Wunsch nach einem guten Erntejahr zu tun. Besen wurden in der Vergangenheit auch für den Haussegen gebraucht. „Böse Geister fliegt mit dem Wind, seid verbannt von meiner Schwelle“, lautet die symbolische Austreibung, die bei abnehmendem Mond aus der Tür rückwärts kehrend vollzogen wurde. Der Schmuckbesen für die heißgeliebte Schwiegermutter ist heute noch ein aktueller Geschenkartikel. Je nach Anlass wird er geschmückt mit Blumen, mit Ostereiern oder Lametta. „War sie nicht gut zu leiden, bekam sie aber den ‚Hexenbesen‘, um sie in einer Vollmondnacht hinter den Mond zu schicken“, so erzählt Michael Roos weiter. Bekanntester Besen aus der Vielzahl der Besenarten ist der Hexenbesen. Er wurde früher auch an die Haustür gehängt, um lästige Bettler fernzuhalten. „Welches Gewicht muss der Besen halten? Wieviel PS hat er? Und wie weit kann er fliegen?“ – Fragen aus Kindermund, die Michael Roos originell und humorvoll zu beantworten weiß. Wie, müssen Sie schon selbst herausfinden.

Weitere Besenarten sind „Tagesbesen“ aus Heide, auch Bienengold genannt „Wochenbesen“ sind Besen aus Ginster und nennen sich Eifelgold oder Zeckenkraut. Birkenbesen gelten als „Jahresbesen“ und heißen auch Liebesbaum. Nicht gerade von Goethe ist dieses Gedicht nach Eifeler Schnauze:

Besen, Besen, feg geschwind,
dass der Schmutz noch schnell verschwind, die Rinne sollst du heut‘ noch fegen, du fauler Arsch sollst dich bewegen,
du sollst nicht jammern wie ein Hund, nur das Fegen hält gesund,
diese Arbeit find ich zum kotze‘, denn aus der Nase läuft die Rotze, nun ist Schluss du faule Sau,
das Wetter ist mir heut zu rau.

Weisheit zum Besenbinden: Frauen sind wie Engel
Besenbinderweisheit: Frauen sind wie Engel

Natürlich wünscht sich Michael Roos später einen Nachfolger, der wie er seine Handwerkskunst auf Märkten, Bauernfesten und historischen Veranstaltungen zeigt und erklärt. In 2017 hat er aber erstmal selbst wieder einen vollen Ter- minkalender: „Tag der offenen Höfe“ in Gelsdorf im Oktober, „Martinsmarkt“ am ersten Novemberwochenende in Dernau, „Tage nach der Ernte“ im LVR-Freilichtmuseum Mechernich-Kommern im September, und am 1. Advent der „Advent der Sinne“. Auch am Kohlenmeiler in Hergarten-Düttlingen tritt er alle zwei Jahre auf. Als nächstes wird er vom 18. Februar bis 9. April (Palmsonntag) an den Wochenenden im LVR-Freilichtmuseum anzutreffen sein.

 Fotos & Text: Peter Meurer